GO-Bio 2026 — die zwölfte Förderrunde im BMBF-Standard-Spin-off-Programm
Seit 2005 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung über GO-Bio rund 600 Millionen Euro in Biotech-Frühphase investiert. Eine Bestandsaufnahme der zwölften Runde, der Bewilligungs-Quoten und der Vergleichs-Frage zum NIH-SBIR-Programm.
Wenn das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Juni 2026 die Auswahl-Entscheidungen für die zwölfte GO-Bio-Förderrunde verkündet, dann markiert das Ereignis einen Punkt, an dem das deutsche Biotech-Förder-System eine Konsolidierungs-Bilanz ziehen kann, die vor 2005 noch nicht möglich gewesen wäre. Das GO-Bio-Programm — ursprünglich gestartet als „Gründungsoffensive Biotechnologie” unter der damaligen BMBF-Ministerin Edelgard Bulmahn — ist die längstlaufende und ressourcen-stärkste deutsche Förder-Linie für die Biotech-Frühphasen-Translation. Nach BMBF-Angaben in der März-2026-Programm-Statistik hat das Programm seit dem Start kumulativ rund 600 Millionen Euro in 156 geförderte Projekte investiert, von denen rund 47 in den Spin-off-Status der GmbH-Gründung übergegangen sind und rund 28 in eine substantielle Folge-Finanzierung jenseits der 5-Millionen-Euro-Schwelle.
Die Programm-Architektur: GO-Bio Initial und GO-Bio Next
Das Programm ist in der aktuellen Architektur seit der Reform von 2017 zweistufig aufgebaut. GO-Bio Initial adressiert die Frühphase der Translation — den Übergang von der akademischen Grundlagen-Forschung in die ausgründungs-fähige Plattform. Die maximale Förder-Summe pro Projekt liegt bei 2,5 Millionen Euro über bis zu 36 Monaten, mit einer Möglichkeit der schrittweisen Aufstockung in der zweiten Hälfte der Laufzeit. Die Förder-Quote beträgt für Hochschulen und außeruniversitäre Forschungs-Einrichtungen bis zu 100 Prozent, für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gemäß EU-KMU-Definition bis zu 70 Prozent der zuwendungsfähigen Ausgaben.
GO-Bio Next adressiert die anschließende Vorgründungs- und Initial-Investitions-Phase. Die maximale Förder-Summe pro Projekt liegt bei 4 Millionen Euro über bis zu 36 Monaten. Voraussetzung für die GO-Bio-Next-Förderung ist in der Regel der erfolgreiche Abschluss eines GO-Bio-Initial-Projekts oder eine gleichwertige Vorarbeit; in begründeten Ausnahmen ist auch ein direkter Einstieg in Next möglich. Die Förder-Quote ist hier deutlich auf die KMU-Architektur zugespitzt — bis zu 65 Prozent der zuwendungsfähigen Ausgaben, mit einer Anschluss-Erwartung an private Folge-Investitions-Finanzierung.
Die formal-administrative Trägerschaft liegt beim Projekt-Träger Jülich (PtJ) im Geschäftsbereich Bioökonomie. Die wissenschaftlich-strategische Auswahl-Entscheidung erfolgt über ein zweistufiges Verfahren: eine schriftliche Skizzen-Begutachtung durch eine externe Sachverständigen-Kommission und eine anschließende mündliche Vor-Ort-Präsentation der in die zweite Runde aufgenommenen Skizzen.
Die Bewilligungs-Quoten der jüngsten Runden
Die Bewilligungs-Quoten der GO-Bio-Initial-Linie liegen nach BMBF-Daten in den jüngsten Runden im Bereich von 15 bis 20 Prozent der eingereichten Skizzen. In der zehnten Runde 2023 wurden bei 187 eingereichten Skizzen 31 Projekte zur Förderung empfohlen — eine Bewilligungs-Quote von rund 17 Prozent. In der elften Runde 2024/2025 lag die Skizzen-Zahl bei 201 mit 36 Empfehlungen, eine Quote von rund 18 Prozent. Die für die zwölfte Runde laufende Skizzen-Phase hat nach informellen Angaben des PtJ-Bioökonomie-Referats rund 210 Einreichungen erhalten; die Auswahl-Entscheidung wird im Juni 2026 erwartet.
Die Bewilligungs-Quoten in GO-Bio Next sind strukturell deutlich niedriger — typischerweise im Bereich von 8 bis 12 Prozent. Das hängt zum einen mit der höheren strategischen Hürde zusammen (verlangt wird in der Regel ein belastbarer Vermarktungs- oder Folge-Investitions-Pfad), zum anderen mit der niedrigeren Zahl der pro Runde verfügbaren Programm-Budget-Einheiten — die ein Next-Projekt typischerweise zwischen 3 und 4 Millionen Euro bindet.
Die GO-Bio-Erfolge: Tubulis, Catalym, ItoBOS Therapeutics
Drei jüngere Spin-offs werden in der BMBF-Kommunikation regelmäßig als Beispiele für die Erfolgs-Trajektorie des Programms genannt. Tubulis GmbH (München, gegründet 2019 als Spin-off aus dem Max-Planck-Institut für Biochemie Martinsried und der LMU München) entwickelt Antibody-Drug-Conjugates (ADCs) auf Basis der von Tubulis-Mitgründer Roman Hipp entwickelten Linker-Plattform Tubutecan. Tubulis hatte 2018 eine GO-Bio-Initial-Förderung erhalten und 2021 eine 60-Millionen-Euro-Serie-B-Runde unter Führung von Andera Partners abgeschlossen; die im November 2023 verkündete Serie C über 138 Millionen Euro hatte EQT Life Sciences als Lead-Investor.
Catalym GmbH (Martinsried, gegründet 2016 als Spin-off aus der TU München und dem Helmholtz-Zentrum München) entwickelt Anti-GDF-15-Antikörper für die Onkologie-Immuntherapie. Das Lead-Asset Visugromab (CTL-002) befindet sich in der klinischen Phase-2-Entwicklung in mehreren Onkologie-Indikationen. Catalym hatte 2017 eine GO-Bio-Next-Förderung erhalten; die Serie B über 50 Millionen Euro folgte 2021, die Serie C über 150 Millionen Dollar im April 2024 mit Canaan Partners als Lead-Investor.
ItoBOS Therapeutics GmbH (Heidelberg, gegründet 2022 als Spin-off aus dem DKFZ Heidelberg) entwickelt eine T-Zell-Engager-Plattform für die Onkologie. Die GO-Bio-Initial-Förderung erfolgte 2021 noch in der Trägerschaft der Universität Heidelberg; nach der Ausgründung 2022 erfolgte eine 18-Millionen-Euro-Seed-Runde mit Forbion und Brandon Capital. Die Phase-1-Studie zum Lead-Asset gegen ein solides-Tumor-Antigen ist seit Q1 2026 in der Rekrutierung.
Die GO-Bio-Förderung war für unsere Frühphase nicht nur die finanziell entscheidende Brücke. Sie war auch der Validierungs-Stempel, der unsere ersten Investitions-Gespräche grundlegend anders strukturiert hat. Ein VC-Investor liest eine GO-Bio-Bewilligung als externe wissenschaftliche Qualitäts-Bestätigung.
So formulierte es eine Gründerin eines bayerischen Biotech-Spin-offs in einem Interview mit transkript im Frühjahr 2025.
Der Vergleich zum NIH-SBIR-Programm und zum britischen Innovate-UK-System
In der Förder-Diskussion wird GO-Bio regelmäßig im Vergleich zu zwei Referenz-Programmen diskutiert: dem amerikanischen NIH-SBIR (Small Business Innovation Research) und dem britischen Innovate-UK-System. Der Vergleich ist analytisch nur eingeschränkt belastbar, weil die Programme auf strukturell unterschiedliche Förder-Logiken zielen.
Das NIH-SBIR-Programm ist mit einem Jahresvolumen von rund 1,3 Milliarden US-Dollar (Fiscal Year 2024 NIH-SBIR-Phase-I plus Phase-II) etwa fünfmal so groß wie das GO-Bio-Programm im Jahres-Mittel. Die Phase-I-Förder-Volumina pro Projekt sind mit rund 300.000 bis 400.000 US-Dollar deutlich niedriger als bei GO-Bio Initial; die Phase-II-Volumina mit rund 2 Millionen US-Dollar liegen im Bereich von GO-Bio Initial. Die strukturelle Differenz: NIH-SBIR fördert ausschließlich KMU und verlangt eine 100-prozentige Anwendungs-Orientierung. GO-Bio Initial ist demgegenüber in der Frühphase auch hochschul-zentriert und lässt eine wissenschaftlich-orientierte Phase vor der eigentlichen Gründungs-Vorbereitung zu.
Das Innovate-UK-System (verwaltet durch UK Research and Innovation, UKRI) operiert mit einer ähnlich strukturierten Logik wie GO-Bio Next, mit einem Schwerpunkt auf der Industrie-Verzahnung. Das jüngere Innovate-UK-Biomedical-Catalyst-Programm hat seit Programmstart 2012 rund 230 Millionen Pfund in über 600 Projekte investiert — auf das Jahr hochgerechnet ein deutlich niedrigeres Volumen als GO-Bio.
Die zentrale Kritik an GO-Bio in der wissenschafts-politischen Diskussion betrifft jedoch nicht primär das Volumen, sondern die Folge-Investitions-Lücke. Die in einer Stellungnahme des BIO Deutschland e.V. vom Februar 2026 wiederholte Diagnose: Die GO-Bio-Förderung schafft erfolgreich die wissenschaftlich-translationale Frühphase, aber der Übergang zur ersten institutionellen Risikokapital-Runde — die typische Serie A im Bereich 15 bis 40 Millionen Euro — wird in Deutschland systematisch unterversorgt. Die im Februar 2025 vom Bundesverband Deutsche Startups vorgelegten Zahlen zeigen, dass deutsche Biotech-Frühphase-Investitionen pro Kopf bei rund 35 Prozent des britischen Niveaus und rund 18 Prozent des US-amerikanischen Niveaus liegen.
Die thematische Schwerpunkt-Verschiebung in den jüngsten Runden
Eine vergleichende Auswertung der BMBF-Förder-Datenbank für die GO-Bio-Runden 8 bis 11 (2020 bis 2024) zeigt eine deutliche thematische Verschiebung. Während die Runden 2010 bis 2018 noch stark von klassischer Biopharmazeutik und Diagnostik dominiert waren — Antikörper-Plattformen, Diagnostik-Assays, Wirkstoff-Discovery — verschieben sich die Förder-Schwerpunkte seit 2020 in Richtung Zell- und Gentherapien (CGT/ATMP), mRNA-Plattformen, AI-gestützte Drug Discovery und industrielle Biotechnologie.
Die Runde 11 (Bewilligungen 2024/2025) zeigt nach BMBF-Daten folgende thematische Verteilung: rund 30 Prozent CGT/ATMP, rund 20 Prozent Onkologie-Targeted-Therapies, rund 15 Prozent Mikrobiom und Mikrobiom-basierte Therapien, rund 10 Prozent industrielle Biotechnologie und Bioökonomie, rund 25 Prozent sonstige (inklusive Diagnostik, Wirkstoff-Discovery, Plattform-Technologien).
Die zwölfte Runde: was erwartet wird
Für die zwölfte Runde, deren Auswahl-Entscheidung im Juni 2026 erwartet wird, sind nach informellen Angaben des PtJ-Bioökonomie-Referats die folgenden thematischen Schwerpunkte besonders stark vertreten: AI-basierte Drug-Discovery-Plattformen (eine Folge der breiten Diffusion der AlphaFold-Generationen 2 und 3 in der akademischen Strukturbiologie), mRNA-basierte Onkologie-Therapeutika (eine Spätfolge der mRNA-Aufmerksamkeit nach der COVID-Pandemie) und Mikrobiom-modulierende Therapeutika für Stoffwechsel-Erkrankungen.
Das BMBF hat parallel im April 2026 eine Verlängerungs-Vereinbarung über das GO-Bio-Programm bis 2030 bekanntgegeben, mit einem indikativen Gesamt-Budget von rund 250 Millionen Euro für die Runden 12 bis 14. Damit wird das Programm seine Position als zentrales deutsches Biotech-Frühphasen-Instrument für die nächsten vier Jahre fortschreiben.
Was offen bleibt
Die strukturelle Diskussion um die Folge-Investitions-Lücke zwischen GO-Bio-Förder-Ende und der ersten institutionellen Serie-A-Runde ist mit der Verlängerungs-Vereinbarung nicht erledigt. Der Vorschlag, ein „GO-Bio Boost” mit Eigenkapital-ähnlichen Finanzierungs-Instrumenten zu ergänzen — diskutiert in einem BIO-Deutschland-Positionspapier vom Januar 2026 und in einem Verbund-Beitrag des Deutschen Verbandes der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaften —, wird im neuen BMBF-Programm nicht aufgegriffen. Ob das KfW-Capital-Programm der Bundesregierung mit dem Wachstumsfonds Deutschland diese Lücke ausreichend füllen kann, bleibt die zentrale offene Frage der deutschen Biotech-Förder-Architektur 2026 bis 2030.